Steinbacherhof

Freizeit. Reiten. Therapie

 

Um diese Frage zu beantworten muss ich viele andere für mich klären.

Bin ich der Ansicht, dass das Pferd mir zu gehorchen hat? Wenn ich davon ausgehe, dass mein Pferd mein Partner ist, wenn ich davon ausgehe, dass mein Pferd genau wie ich von Stimmungen, Tagesverfassung, von seiner Geschichte, seiner Erziehung in jeder Hinsicht und auch von seinem Charakter beeinflusst wird – kann ich unter diesen Bedingungen hergehen und etwas von ihm zu erzwingen versuchen, was es gerade nicht zu geben imstande oder bereit ist?

Erwarte ich von meinem Pferd eigenständige Mitarbeit? Wenn ich in vielen Situationen meinem Pferd nicht nur gestatte sondern sogar den Auftrag erteile, eigenständig zu handeln, mir Dinge, die es bei unserem Klienten wahrnimmt zu spiegeln und auf gewisse Dinge ganz selbständig zu achten, wie Tempo Halten, unters Gewicht des Reiters Treten oder die jeweils richtige Art der Kontaktaufnahme auszuwählen – kann ich dann verlangen, dass es auf der anderen Seite seine Eigenständigkeit zurücksetzt, meine Forderungen über sein persönliches Wohlbefinden stellt und damit auch noch zufrieden ist?

Zumeist gibt es einen ganz konkreten Auslöser für körperlich starke Reaktionen eines Pferdes. Es ist vielleicht unausgelastet, war zu wenig in Bewegung die letzten Tage – vielleicht sogar, weil ich mir zuwenig Zeit genommen habe mit ihm zu arbeiten. Oder es ist nicht in der Lage, mich zu verstehen und ist durch dauernden Tadel frustriert. Es hat sich schon einige Zeit gut konzentriert und hat jetzt vielleicht mehrfach bereits gezeigt, dass es an seiner Grenze angekommen ist, ohne dass ich darauf reagiert habe. Vielleicht hat es auch einen Schmerz als Auslöser, irgendwo zwickt ein Nerv, zieht ein Muskel. Pferde, die an und für sich sanft und kooperativ handeln, zeigen in solchen Situationen zumeist über ihre Mimik, über Kopfschütteln oder Schweifschlagen, dass sie mit der Sache nicht zurechtkommen. Ein mehr extrovertiertes Pferd wird stampfen, mit Kopf und Hals schlagen, sich verdrehen und in irgendeiner Form „in die Luft gehen“.

In jedem Fall liegt der Fehler für dieses Verhalten nicht beim Pferd. Er liegt bei mir. Ich bin verantwortlich dafür, dem Pferd verständlich zu machen, was ich von ihm möchte. Ich bin verantwortlich dafür, es nicht zu überfordern, die ersten Anzeichen bereits wahrzunehmen und damit uns beiden die Möglichkeit zu geben, eine Situation abzufangen, bevor sie über meine Grenzen geht. Ich bin verantwortlich dafür, meine Forderungen an die Befindlichkeit des Pferdes so gut wie möglich anzupassen.

Mit Gewalt zu reagieren, auch wenn es „nur“ ein Gertenhieb ist, „nur“ ein mit dem Strick auf die Brust des Pferdes Schlagen, ist und bleibt Gewalt. Das Pferd verzeiht mir diese Ausbrüche zumeist sofort. Was aber niemals ein Freibrief sein darf, meine Unzulänglichkeit und mein eigenes Versagen so am Pferd auszulassen. Ich darf mir als verantwortlicher Mensch, als verantwortungsbewusster Mensch nicht schönreden, dass meine eigene Überforderungsreaktion in Ordnung ist. Natürlich kann so etwas passieren. Keiner von uns ist perfekt. Aber ich muss den Mut haben, mir selbst einzugestehen, dass es ist, was es ist – Gewalt. Und, habe ich einmal beschlossen, Gewaltfreiheit anzustreben, dann verpflichtet mich das auch dazu, mich und meine Reaktionen im Blick zu behalten, mich immer wieder zu fragen, wie ich mein instinktives Verhalten verbessern und wie ich dadurch mein Verhältnis zu meinem Partner Pferd intensiver, vertrauensvoller gestalten kann.

Bin ich in der Lage, eine Situation, die ich selbst herbeigeführt habe, gut abzubrechen, wenn sie außer Kontrolle zu geraten beginnt, wird mein Pferd das verinnerlichen. Ich werde an Souveränität gewinnen in seinen Augen, weil es meine Erkenntnis honoriert, zu wissen, wo mein eigener Fehler lag. Es wird spüren, dass ich bemüht bin, seine Seite zu erkennen, zu verstehen und ihm zur Seite zu stehen statt es zu dominieren. Im Gegenzug wird es sich leichter zusammenreißen, wenn die Situation es erfordert, und wird wieder sanfter und leichtführiger werden – es wird lernen, meiner Führung zu vertrauen und sich auch mehr fordern zu lassen, durch die Erfahrung, dass ich mich selbst in der Hand habe und nicht über mein Pferd und seine Bedürfnisse und Befindlichkeiten einfach mental oder physisch drüberfahre.