Steinbacherhof

Freizeit. Reiten. Therapie

 

Was wir unseren Pferden schulden

 

Therapie - ein gemeinsamer Prozeß zwischen Therapeutin, Pferd und Klienten. Wir erwarten von unseren Pferden tagtäglich entspanntes Arbeiten, Aufmerksamkeit, das Ertragen von physischen wie psychischen Fehlern und Unzulänglichkeiten unserer Klienten, aber auch mit unseren eigenen Stimmungen, Emotionen, psychischen Paketen müssen sie zurechtkommen. Dazu Witterungseinflüsse wie Wind, Regen, Hitze, glatte Böden oder natürliche Unannehmlichkeiten wie Fellwechsel, Insektenplage oder "Kreislaufwetter". Da kommt vieles zusammen, und weit mehr als das schon bei einem Privatpferd der Fall ist, mit immer demselben einen Menschen, auf den es sich einstellen kann

Ich möchte deshalb aufrufen, jeden Tag ein paar Gedanken den Dingen zu widmen, die wir unseren Pferden dafür schulden.

 

Stichwort artgerechte Haltung.

Pferde sind Herdentiere. Lauftiere. Fluchttiere. Weidetiere. demnach brauchen sie für ein gesundes, glückliches Leben Sozialkontakte in einer Pferdegruppe, genügend Auslauf, Ruheräume, ein sicheres Umfeld und permanenten Rauhfutterzugang. Eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen. Doch für viele Pferde noch immer nicht Realität. In vielen Pensionsställen ist aus Gründen der Vereinfachung der Abläufe und auch wegen des zu häufigen Pferdewechsels, der eine Herde jedesmal irritiert, dazu aus oft mangelndem Wissen oder Bequemlichkeit Boxenhaltung angesagt. Auch die Angst vor Verletzungen der Pferde im Herdenalltag führen häufig zur Annahme, das Pferd könne doch gut darauf verzichten, mit seinen Artgenossen im Sozialgefüge zu leben. Nun, nein, kann es nicht. Nicht, ohne psychische und gesundheitliche Schäden davonzutragen.

Boxenhaltung mit tagsüber Koppel- und Weidegang in der Herde scheint dafür eine Lösung zu sein, mit der Pferde zurechtkommen können. Beschränkt sich der Koppelgang jedoch auf wenige Stunden oder findet gar nur alleine statt, so ist das Pferd einer Lebensweise ausgesetzt, die bei ihm Spannungen auslösen muß.

Beobachten wir eine Pferdegruppe auf einer Wiese, so können wir innerhalb kurzer Zeit erkennen, wie komplex die Beziehungen und Bedürfnisse unserer Co-Therapeuten sind.

Es läuft ständige Kommunikation ab, im Ohrenspiel, im kurzen Beschnuppern bei einer Begegnung, in langen Blicken. Eine Stute quietscht empört, weil ein Wallach sich frech ihrer Hinterhand genähert hat. eine, die von Insekten geplagt wird, sucht sich durch Beknabbern eine Hilfe beim Erreichen von Stellen, zu denen sie selbst nicht hinlangt. Es wird gemütlich gefressen, Schritt, Bissen, Schritt, Bissen. Plötzlich Bewegung, der Wind ist in einen Busch gefahren, die Pferde zucken zusammen, rücken näher zueinander, die energiegeladensten laufen buckelnd los und nutzen den Anlass für einen Galopp.

Wenn wir mit unseren Pferden wirklich zusammenarbeiten wollen, dann ist der erste Schritt der, es in seinem täglichen Leben kennenzulernen. Goethe meinte „du lernst die Menschen nicht kennen, wenn sie zu dir kommen. Du mußt zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht.“ Ein weiser Spruch, der genauso auch für Pferde gilt. Je besser wir verstehen lernen, was unsere Pferde bewegt, beschäftigt, berührt, desto besser können wir sie einschätzen, desto tiefer wird unsere Verbindung zu ihnen und desto klarer unsere Kommunikation. Wir werden zum Team.

 

Stichwort Ausbildung.

verglichen mit einer Psychotherapieausbildung braucht das Therapiepferd zuallererst eine ganz normale Schulbildung mit Matura=Grundausbildung an der Hand und unter dem Reiter, Lesen der menschlichen Körpersprache. Darauf aufbauend kommt das Propädeutikum=Kennenlernen therapiespezifischer Materialien, weiterführendes Gymnastizieren, um die Tragfähigkeit auszubauen und das Pferd auch mit schiefsitzenden, klammernden, hopsenden Reitern gesundzuerhalten. Danach folgt das Fachspezifikum=Ausbildung zum "Menschenleser", zum Athleten, Gelassenheitstraining, Heranführen des Pferdes an Klienten mit unterschiedlichster Bewegungs- oder Verhaltensproblematik - am besten unter Supervision eines erfahrenen vierbeinigen Therapeuten. Diese Ausbildung dauert Jahre. Viele Jahre. Und sollte von uns Menschen unbedingt ernstgenommen werden. Zu den einzelnen Schritten kommen wir später noch. Hier nur die intensive Bitte: lasst Euch Zeit. Ein dreijähriges Pferd ist ein Kind und sollte keinen Reiter tragen müssen. Je länger ich in den ersten Jahren mich in Geduld übe, desto gesünder und länger wird mein Pferd mit mir zusammenarbeiten können.

 

Stichwort Ausgleich.

Deine Pferde sind so brav und ausgeglichen, wie machst Du das? diese Frage höre ich häufig. die Antwort? nun, ich arbeite mit ihnen daran, und zwar täglich.

Pferde brauchen Ausgleich zur Therapiearbeit, mental und physisch. Jedes meiner Pferde wird beinahe täglich im Roundpen frei gearbeitet. Dazu kommen wöchentlich Ausritte, teils als Handpferd, Arbeit an der Longe und gymnastizierend unter dem Sattel oder am Langzügel. Das ist viel investierte Zeit, jede Woche, jeden Monat, das ganze Jahr über. Egal, ob draußen die Sonne scheint, es windig und kalt ist oder Schnee liegt. Egal, ob ich ohnehin schon müde bin und mein innerer Schweinehund mir sagt, einmal wäre keinmal.

 

Stichwort Dank und Motivation.

Pferde brauchen positive Verstärkung. ich bedanke mich für ihre Mitarbeit bei jeder Einheit, die wir therapeutisch durchführen. ich lobe. ich nehme ihre Mitarbeit nicht selbstverständlich. wenn sie in schwierigen Situationen richtig reagiert haben lasse ich sie meine Freude spüren, meine Zufriedenheit, meinen Dank. Ich bemühe mich, zu bitten, statt zu befehlen. Zu motivieren statt zu tadeln. Mit positiver Verstärkung, also dem Lob für jedes erwünschte Verhalten, erreiche ich ein freudig mitarbeitendes Pferd, das sich auch gerne selbst mit einbringt. Und wo wäre ich in dieser Art der Therapie, wenn mein Pferd, mein Co-Therapeut, mir nur gehorcht, statt selbst initiativ am Therapieprozess teilzunehmen?

 

Stichwort Vertrauen

Pferde brauchen Vertrauen, um ihren Fluchtinstinkt ruhen lassen zu können. ich bemühe mich, mir jeden Tag neu dieses Vertrauen zu verdienen. für sie zu sein, in jeder Situation auf ihrer Seite. ich bemühe mich, sie nicht in die Bredouille zu bringen, nicht mehr von ihnen zu verlangen, als sie geben können, sie nicht zu überfordern. ich nehme mir Zeit, zu bemerken, zu spüren, wahrzunehmen, wie es ihnen geht und passe meine Arbeitseinheiten dem an. ich bemühe mich um Klarheit in meinem Wesen, um Gelassenheit und Weitsicht. ich bemühe mich, verständlich zu sein. ich bemühe mich, ein besserer Mensch zu werden, um ihnen besser gerecht werden zu können.

 

Ja, auch das verdanke ich zu vielen Teilen meinen Pferden - daß sie mich zu mir führen, Schritt für Schritt. jeden Tag neu. in ihnen finde ich ein unbedingt ehrliches Gegenüber. sie lehren mich die Wahrheit - über mich selbst, meinen Körper, mein Befinden. jeden Tag neu. 

und allen Fehlern, die ich mache, zum Trotz verzeihen sie mir, tragen nichts nach, was mir ehrlich leid tut. und darin lehren sie mich das Wichtigste im Leben: das Wesen der Liebe.

DANKE.