Steinbacherhof

Freizeit. Reiten. Therapie

Erst, wenn ich durch viel Erfahrung, durch physische Sicherheit im Handling und psychische Sicherheit durch Vertrauen zum Pferd in ein gutes Maß an Selbstverständlichkeit hineingewachsen bin, erst dann kann ich guten Gewissens einen Menschen, der meine Hilfestellung braucht, auf meinen Partner Pferd setzen.

 

Was bedeutet geführt werden aus der Sicht des Pferdes?

Zuallererst bedeutet es eine große Einschränkung des Handlungsspielraumes. Dem Pferd wird das eine oder andere Halfter, Zaumzeug, Gebiss um den Kopf oder ins Maul gelegt, was für das Pferd eine Flucht im Ernstfall sehr erschwert bzw unmöglich macht. Demnach geht es hier um Vertrauen.

Wichtige Fragen: Spürt mein Pferd, dass es mir vertrauen kann? bin ich in der Lage, ihm soviel Sicherheit zu geben, dass es in Schreckmomenten und demnach im Reflex zu mir statt von mir fort will?

 

Zeitgleich, gesetzt den Fall, mein Pferd vertraut mir, gebe ich ihm eben diese Sicherheit gerade durch das positive Führen. Mit jedem Tag, an dem es mich kompetent und sicher in unterschiedlichsten Situationen erlebt, wird sich das Vertrauen vertiefen, mit jeder Gefahr, die wir gemeinsam bestehen, wird es mich mehr suchen, sich mehr an mir orientieren, sobald etwas Ungewohntes geschieht.

Das alles bedeutet, ich bin gerufen, mir das Vertrauen meines Pferdes zu verdienen. In jedem Moment des Umgangs, in allen anstehenden Belangen.

Beim Führen behalte ich die Umgebung im Auge, fühle mich in die Sichtweise des Pferdes ein und bin immer einen Schritt voraus – ich wechsle die Führseite im richtigen Moment, um zwischen dem Pferd und möglichen Gefahrenquellen zu gehen, ich habe die Führhand spürig und aktiv und kann so schnell reagieren, falls das Pferd stolpert oder nervös wird, ich achte darauf, dass der Reiter dem Pferd nicht wehtut, möglichst angenehm zu tragen ist und sich beim Pferd bedankt und nötigenfalls auch entschuldigt.

Ich bin ganz im Hier und Jetzt. Dieselbe Konzentration und Achtsamkeit, die ich von meinem Pferd erwarte, biete ich ihm auch.

 

Praktische Übungen.

Während ich führe nehme ich meine Hand intensiv wahr. Ich spüre in die Verbindung zum Pferd hinein und halte eine stete, sanfte Verbindung – zuerst über den Führstrick/Zügel, später über mein Gefühl für die Bewegungen des Pferdes, die den etwas durchhängenden Führstrick mitbewegen. Senkt mein Pferd den Kopf, so spüre ich eine leichte Gewichtsveränderung, ebenso bei Kopfheben, links- oder rechtsschauen etc. Empfehlenswert ist hierfür ein möglichst schwerer Strick/Zügel, der die Minimalbewegungen gut weitergibt.

 

Hier eine Stichwortzusammenstellung, die im Rahmen eines Einführungstages für Praktikantinnen bei mir am Hof entstanden ist. dieser bewusste Prozess des Nachdenkens über manche Begrifflichkeiten führt (!) oftmals zu einem veränderten Zugang, einem vertieften Verständnis und so zu höherer Handlungskompetenz.

 

Doch bevor Sie das hier lesen machen Sie bitte folgende

Praktische Übung:

Welche Assoziationen zum Stichwort Führen haben Sie? Nehmen Sie ein Blatt Papier und notieren Sie diese, möglichst unreflektiert. Anschließend stellen Sie das Wort Führen in die Mitte eines neuen Blattes und sortieren die übrigen Worte im Kreis angeordnet rundum, die wichtigsten nahe, die weniger wichtigen weiter entfernt von der Mitte. Betrachten Sie danach diese Zusammenstellung und lassen sie kurz auf sich einwirken.

 

Führen

Vorausgehen   begeiten   anleiten   leiten   Richtung weisen   mitgehen   mitnehmen   zeigen   zusammen Wege gehen

Enthusiasmus   Begeisterung   Leidenschaft   Einsatz   Motivation   Ziel   Freiheit   Kennenlernen Umgang mit Verletzlichkeit   Neugier   Offenheit   Selbst-/Fremdeinschätzung   Freude   Selbstbewußtsein   Ehrlichkeit   verständliche Komunikation   Ausdauer   Geduld   Wissen   KnowHow   Geradlinigkeit   gemeinsam etwas erarbeiten   Rücksicht   Identität   Authentizität   Verantwortung übernehmen   Sicherheit geben   Achtsamkeit   Empathie   Freundschaft   Partnerschaft   richtige Distanz nehmen/finden   lernen   Beziehungsaufbau   Vertiefen   Nähe   Bindung   Wahrnehmung   sich spüren   Spiel   zurückstecken können   bei sich sein   Feedback   Klarheit   Dynamik   sich kennen   einlassen   Sinn-Suche   Spaß   Fairneß   Respekt   Konzentration   Aufmerksamkeit   Sinnhaftigkeit   unterstützen   Arbeit   Nachsicht   Bauchgefühl Stärke   gegenseitiges Vertrauen   Konfliktbereitschaft   Balance(innen&außen)   Bewegung Wertschätzung   Eigenverantwortung   Vorsicht   Charakter   Anziehung   Entspannung   Intuition   Genießen   Team   eigene Grenzen-kennen-erweitern-einhalten-ausdrücken   Verständnis   Seelenbewußtsein   Konsequenz   jemand etwas zutrauen/zugestehen   Konfliktlösungsstrategien   Besonderheiten   Liebe   klare Vereinbarungen   Körperbewußtsein   Konsequenz   Eigenheiten   Anerkennung   Selbständigkeit   Sensibilität Ruhe   Sprache   Zeit miteinander verbringen   Kreativität   Gelassenheit   Toleranz   Mut   Akzeptanz   Lernbereitschaft   Körpersprache   Demut   annehmen können

 

 

Fazit: Beim therapeutischen Führen habe ich somit vieles im Blick, das weit über ein simples „den anderen am Strick von A nach B Bringen“ hinausgeht.

Auf einige dieser Begriffe möchte ich nun noch gesondert eingehen, da sie auch auf die Führposition und mein Verhalten als Therapeutin starken Einfluss haben.

 

Vorausgehen

Die Führposition ist hier klar definiert. Ich gehe vor dem Pferd, das Pferd folgt und hat eine hinter mir sehr sichere Position, solange keine „Gefahr“ von hinten kommt.

In dieser Position bin ich demnach aufgerufen, die Verantwortung für unseren Weg voll zu übernehmen, klar in kompetenter Leitung mit Ruhe und Überblick voranzugehen.

Der reitende Klient ist nicht unter permanenter Beobachtung, ich sichere ihn nicht und gebe ihm auch viel Handlungsspielraum und Freiheit von meiner Kontrolle.

Somit muss ich sehr darauf achten, ob mein Reiter für diese Art des Führens bereits weit genug ist.

wichtige Fragen:

Kann das Kind bereits gemeinsam erstellte Regeln einhalten?

Ist es körperlich und geistig in der Lage, sich in Notsituationen rasch festzuhalten?

Kann der Klient sich soweit emotional und physisch kontrollieren, dass das Pferd keiner unangenehmen Situation durch etwa ein in den Rücken Fallen ausgesetzt wird?

Wie sieht es mit dem Gleichgewichtssinn aus?

 

Auch mein Pferd sollte bereits in vielem gefestigt sein, bevor ich mit einem Klienten am Pferderücken auf diese Weise führe:

Wichtige Fragen:

Herrscht gutes Vertrauen zwischen mir und dem Pferd?

Kann ich mein Pferd sehr gut einschätzen und seine Gesichtsmimik sehr gut lesen?

Meldet mein Pferd rechtzeitig, wenn es wieder stärkere Unterstützung benötigt?

Bleibt mein Pferd von sich aus stehen, wenn der Reiter verrutscht oder sonstige Schwierigkeiten bekommt?

 

Weiters sollte ich tagesspezifische Komponenten mit einbeziehen:

Wichtige Fragen:

Ist die Wetterlage geneigt, häufigeres Erschrecken beim Pferd auszulösen? (etwa durch starken Wind, plötzlichen Kälteeinbruch, Gewitterträchtigkeit…)

Bin ich selbst und ist mein Pferd heute ausgeglichen und aufmerksam?

Macht mein Klient den Eindruck, heute auch auf Abstand gut zu kommunizieren?

 

 

 

Sicherheit geben

 

Auch hier ist die Führposition, die ich einnehmen werde, klar vorgegeben. Ich befinde mich neben dem Pferd auf Höhe meines Klienten. In dieser Position kann ich entweder permanent mit einer Hand locker am Oberschenkel des Reiters sichern, oder bin jedenfalls in der Lage, jederzeit rasch zuzugreifen. In dieser Position arbeite ich gerne mit unsicheren Reitern, Kindern, die ich noch nicht gut kenne, oder zum Erarbeiten neuer Voltigierübungen in Schritt und Trab.

 

Wichtige Fragen:

Von meinem Pferd fordert dies:

Bereits gute Eigenkompetenz im Vorangehen, da es gleichberechtigt und zum Teil sogar, was den Weg angeht, in führender Position geht.

Gutes Eingehen auf leichte Signale und sprachliche Aufforderungen, da es meine Körpersprache nicht gut wahrnehmen kann.

 

Von mir selbst fordert dies:

Klare, gute Kommunikation mit dem Pferd auf vereinbarte Signale hin

 

Das Führen gemeinsam mit einemKind/Klienten

 

Führe ich zusammen mit einer weiteren Person am selben Führstrick, so kommt wieder eine sehr komplexe Situation auf mich zu.

Ich bin einerseits für das Pferd die kompetente Ansprechpartnerin, die die Situation und das Befinden des Pferdes im Auge behält. Zugleich bin ich kompetente Ansprechpartnerin für das Kind/die Klientin und behalte auch hier das Befinden im Auge. Dazu kommt noch, daß ich ein Bindeglied zwischen Pferd und Kind bin, eine gute emotionale und nach Möglichkeit auch physische Verbindung zwischen den beiden herstelle, indem ich einerseits mit einer Hand stark zum Pferd hinfühle, die Verbindung mit der Hand auch wahrnehme, andererseits dasselbe auf der zweiten Seite dem Kind gegenüber leiste.

Diese Führung erfordert ein hohes Maß an Konzentration und kann zumeist von unseren Klientinnen nur eine relativ kurze Zeit lang so gehalten werden. Ich unterscheide daher ganz bewußt und für Pferd und Kind erkennbar zwischen den Phasen, in denen das Kind wirklich spürend führt und Phasen, in denen es einfach am Strick mitgeht. Die Länge dieser Phasen richtet sich dabei ganz nach der Konzentrationsfähigkeit des Kindes, die ich auf diese Weise auch langsam ausdehnen kann.